Apple Music: Ein erstes Fazit nach 24 Stunden

Gestern um 18 Uhr deutscher Zeit startete Music, der neue -Dienst, um den es in den letzten Monaten so viel Tamtam gab. Nach dem ersten Tag ziehe ich nun ein persönliches Fazit.

Der Launch und die ersten Minuten

Beginnen wir beim Anfang, denn den hat Apple aus technischer Sicht ordentlich verhauen. iOS 8.4 wurde zeitig freigegeben, wenngleich die Download-Server stark ausgelastet waren und der Download des Updates so ziemlich lange dauerte; in diesem Bereich lief also alles noch recht reibungslos ab für Apple. Darüber hinaus verpasste ich den Start von sowieso und so habe ich die erste Show von Zane Lowe auch direkt verpasst – ärgerlich, aber nun ja.

Ungleich stärker störte mich aber, dass Apple es einfach nicht geschafft hat, iTunes 12.2, welches Apple Music mitbringt, erst am späten Abend als Update und Download freigab. Apple weiß um den großen Trubel, den man mit der Launch-Terminierung auf 18 Uhr kreiert und da ist es schlicht und ergreifend richtig mies, dass die neue iTunes-Version nicht zeitig verfügbar war – das kann es einfach nicht sein!

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Nach der Installation von iOS 8.4 hatte ich dann also endlich die erste Gelegenheit, um mir Apple Music höchstpersönlich anzuschauen. Der On-Demand--Teil interessierte mich hierbei weniger, denn hier ist es im Grunde, wie bei Spotify, Rdio und Co.: Man kann Künstler, Alben und einzelne Songs favorisieren, Interpreten folgen und Musik für die Offline-Nutzung speichern. Hüben, wie drüben also nichts wirklich neues, allerdings war das ja auch abzusehen.

Was mich aktuell aber massiv stört: Offenbar gibt es keine Möglichkeit, um die komplette My-Music-Sammlung zu shufflen. Ich für meinen Teil höre meine Musik unterwegs so am Liebsten und an und für sich ist das für mich persönlich ein Must-have-Feature, sodass ich mich frage, was sich Apple dabei eigentlich gedacht hat. Des Weiteren kann man über iTunes für OS X und Windows keine Musik aufs Mobilgerät herunterladen. Auch dies ist eine Komfortfunktion, die ich als extrem wichtig erachte. Hier muss Apple also dringend nachrüsten.

Update: Ein Shuffle-Modus für die gesamte eigene Musiksammlung kann doch genutzt werden. Diesen findet man, wenn man unter „Meine Musik“ nach „Titel“ filtert, anschließend einen beliebigen Song abspielt und im Player einfach den Shuffle-Modus aktiviert.

Die ersten Beats-1-Shows

Zeitgleich zur Zusammenstellung meiner persönlichen Sammlung habe ich auch Beats 1 eingeschaltet, den großen Radiosender von Apple Music. Dieser wird hauptsächlich von den drei DJs Zane Lowe, Ebro und Julie Adenuga geführt. Letztere spielte am Abend auch ihr erstes Set, das mich mit einer gekonnten Mischung aus Alternative, Drum’n’Bass, Electronic, House sowie Hip-Hop und R&B sehr positiv beeindruckte.

Vor allem R&B und Hip-Hop höre ich persönlich an und für sich nie – trotzdem hatte das Set das gewisse etwas, das mich motivierte, auch bei diesen Songs dran zu bleiben. Warum das der Fall war, wurde mir spätestens dann klar, als Lowes Set am nächsten Morgen wiederholt wurde:

Die DJs machen den Unterschied

Bereits in meinem Beitrag zu Apple Music nach der Keynote schrieb ich darüber, wie Beats 1 durch die DJ-Besetzung ein Alleinstellungsmerkmal hat. Natürlich bieten auch andere Streaming-Anbieter „“-Funktionen an, allerdings handelt es sich dabei in den allermeisten Fällen lediglich um automatisch generierte Playlists, die auf Basis der eigenen Musiksammlung zusammengestellt werden. Das wiederum war für mich stets der Grund, weswegen ich mir diese -Funktionen nie lange anhören konnte, denn zum einen versagten diese Dienste für mich bei der Songauswahl und zum anderen ist automatisiertes eben doch kein echtes mit Herz und Seele – einem Moderator, der sein Handwerk versteht.

Die DJs bei Beats 1 haben allerdings einen hervorragenden Musikgeschmack (Lowe bewies diesen schließlich über 13 Jahre hinweg bei BBC Radio 1) und wissen genau, wie sie mit ihren Stimmen umgehen müssen. 08/15-Radio-Moderatoren reden unendlich lange zwischen den Songs, stören jegliche Atmosphäre und gehen einem oftmals einfach nur noch auf die Nerven – der Grund, weswegen Radio für viele uninteressant ist.

Lowe und Adenuga (die erste Show von Ebro habe ich nicht gehört) aber wählen einen anderen Stil: Kurze, knackige Ansagen zwischen den Songs, dann und wann mal eine kurze Story, die aber nie länger als 30 Sekunden andauern. Schnell und auf den Punkt gebracht führen sie zum jeweils nächsten Song, oft bleiben sie auch über mehrere Songs hinweg komplett still. Darüber hinaus wissen sie ihre Stimmen einzusetzen und vermitteln Euphorie und Enthusiasmus für ihre Musik. Sie stellen sich eben nicht in den Vordergrund, sondern lassen die Musik für sich selbst sprechen.

Das ist die Art Radio, der ich gerne zuhöre: Es passt sowohl musikalisch, als auch sprachlich perfekt zusammen, das Timing saß bei jeder Ansage. So muss modernes Radio sein: Geile Musik, geile DJs! Ebenfalls sehr cool: Die Sets werden nach der Show über die jeweilige Connect-Seite des DJs zur Verfügung gestellt, sodass man sich diese beispielsweise direkt auf das iPhone herunterladen und nochmals in Ruhe hören kann. Des Weiteren werden auch weitere Stars eigene Radioshows bekommen, wie beispielsweise Josh Homme, der letzte Nacht um vier Uhr loslegte und sich ausgezeichnet in das hohe Niveau der bisherigen Shows einpendelte.

Connect: Potential ist weiterhin vorhanden

Das dritte große Feature von Apple Music ist Connect – im Grunde das soziale Netzwerk im Streaming-Angebot. Hier kann man Künstlern und DJs folgen, um so über neue Veröffentlichungen auf Apple Music sowie Postings auf dem Laufenden zu bleiben. Die Postings können durch Bilder, Videos sowie Playlists angereichert werden und zum Teil sind da wirklich sehr nette und amüsante Sachen bei.

Wirklich bewerten lässt sich Connect meiner Meinung nach allerdings noch nicht. Hier muss die Zeit ganz schlicht und ergreifend zeigen, inwiefern Künstler diese Möglichkeit zur Online-Präsenz aufgreifen und nutzen werden. Der derzeitige Hauptnutzen dürfte für die Meisten wohl noch darin bestehen, auf die Playlists der DJs zugreifen zu können. Ich verweise diesbezüglich gerne nochmal auf meinen oben verlinkten Beitrag zu Apple Musik, in dem ich auch darüber schrieb, welche Möglichkeiten sich durch Connect für Apple eröffnen können.

Luft nach oben hat Apple definitiv auch noch bei den Musikempfehlungen, die im „Für dich“-Bereich zu finden sind. Auf Basis der eigenen Präferenzen sollen hier Empfehlungen für weitere Bands ausgegeben werden. Während einige der Empfehlungen durchaus sehr treffend sind für mich, ist Apple allen Ernstes der Meinung, dass ich mir Green Day und verschiedene Deutschrock-Bands, wie Jupiter Jones und Madsen anhören soll. Es ist also ein gefühlstechnisches hin und her für mich zwischen „oh ja“ und „das höre ich nicht einmal Grab“. Wie gesagt: Es ist auch hier noch Luft nach oben da.

Fazit: Streaming unspannend, Beats 1 macht den Unterschied

Im Grunde genommen ist mein erstes Fazit also recht simpel: Connect kann man noch nicht bewerten und das On-Demand-Streaming darf (und muss) sehr gerne funktionell ausgebaut werden. Zwei Drittel von Apple Music verhelfen Apple Music zum jetzigen Zeitpunkt also noch nicht zur Differenzierung von anderen Streaming-Diensten, die sich über die letzten Jahre hinweg eingespielt haben und ihren Funktionsumfang kontinuierlich ausbauen konnten.

Beats 1 jedoch ist der große Wurf von Apple Music, das eine Standbein, das mich vom Start hinweg beeindruckte. Einen Radiosender, der eine so durchgängig hohe Qualität bietet, habe ich schon lange nicht mehr gehört. Tolle Musik-Sets, DJs, die ihren Job verstehen und weitere, sehr interessante Inhalte (für einige dürfte beispielsweise das gestrige Interview mit Eminem sehr nett sein) sind das Argument pro Apple Music. Hierbei gibt es jedoch nur ein Problem: Beats 1 kann auch ohne kostenpflichtiges Abonnement gehört werden. Apple jedoch benötigt natürlich zahlende Kunden, um erfolgreich zu sein. Ich persönlich würde trotzdem alleine wegen Beats 1 und der Features um den Sender herum ein Abonnement eingehen, aber das bin eben nur ich: Der Musikenthusiast.

Des Weiteren bleibt nun noch abzuwarten, wie die Android-App ausfallen wird, welche im Herbst veröffentlicht werden soll. Außerdem will es mir einfach nicht schmecken, dass Apple bewusst auf eine Web-App verzichtet und man beispielsweise als Linux-Nutzer außen vor ist, wenn man iTunes nicht per Wine emulieren möchte. Zwar ist iTunes am Desktop (und besonders unter OS X) ungleich besser, als die Desktop-Counterparts von Spotify und Rdio, allerdings bieten diese ein konsistentes Interface auf jeder Desktop-Plattform sowie im Web-Browser. Ich denke, dass ich das nicht noch weiter kommentieren muss.

Apple hat also noch einige Aufgaben vor sich, die sie angehen müssen. Ich persönlich sehe Connect hier als das derzeitige Zündlein an der Waage, denn das On-Demand-Streaming kann man nach derzeitigem Stand nur bis zu dem Punkt verbessern, an dem es gleichwertig zu Spotify und Rdio ist, denn viel mehr geht da nicht, weswegen alle Musikstreaming-Dienste derzeit im Grunde das Gleiche in verschiedenen Farben sind. Connect aber kann den Unterschied machen, wenn es von Künstlern und Nutzern gleichermaßen genutzt wird und immer wieder weitere interessante Funktionen rund um die Pfeiler „Radio“ und „On-Demand-Streaming“ ins Spiel bringt.