Apple Music ist viel mehr, als nur der nächste Musikstreaming-Dienst

Gestern hielt die alljährliche WWDC-Keynote ab und während OS X El Capitan mich stark begeisterte, stach für mich vor allem eine Präsentation heraus: Die von Music.

Rufen wir uns zunächst einmal kurz ins Gedächtnis, wie -Dienste derzeit funktionieren – wobei es da nicht viel zu erinnern gibt, denn inzwischen sind die Angebote (namentlich beispielsweise Spotify, Rdio und Deezer) allesamt ziemlich gleichgeschaltet: Man legt sich eine Sammlung mit Album-Bookmarks/-Favoriten an, pflegt Playlists und bekommt Vorschläge für , die einem gefallen könnte sowie Meldungen, welche die eigenen Kontakte derzeit/zuletzt hörten. Die Industrie der Musikstreaming-Anbieter zeichnet sich vor allem durch Stillstand aus und da ändert auch das, mit Glanz und Gloria angekündigte und garantiert katastrophal scheiternde, Tidal nichts dran.

Nun ist auch nicht erst seit gestern bekannt, dass Apple in eben diesen Markt einsteigen will, denn Beats will man mitsamt dessen -Service Beats Music nicht umsonst gekauft haben. Es stellt sich für Apple also die Frage, wie man diesen stillstehenden Markt umkrempeln will. Mit Musik hat Apple eine innige Beziehung, waren es doch der iPod und iTunes, die Apple Anfang des Jahrtausends wieder salonfähig machten. Auch, wenn man es nicht wahrhaben will: Apple verstand die damals aktuellen Situationen im Musik-Business und wusste sie zum eigenen Vorteil zu nutzen. Man hat einen Ruf zu verlieren, den sogar Ping nicht großartig schaden konnte. Wie also soll Apple das zum Teufel nochmal gelingen?

Gestern folgte dann die Antwort und während , so der Name des neuen Dienstes, nicht jedermann von den Socken gehauen hat, war für mich von Anfang an klar, dass Apple hier ein ganz großes Eisen im Feuer hat. Dieses Eisen stellt sich im Grunde aus nur zwei Komponenten zusammen und die Gedanken dahinter sind eigentlich alles andere als Hexenwerk; aus irgendeinem Grunde hat aber trotzdem nie jemand die Umsetzung in Angriff genommen.

Apple weiß, wie die Popkultur funktioniert

Der größte Meilenstein beim Aufbau von Apple Music ist definitiv Connect. Diese Sektion erlaubt es sowohl etablierten Künstlern, als auch angehenden Musikern, Inhalte in einem eigenen Newsstream zu teilen und diesen den eigenen Followern zugänglich zu machen. Bei diesen Inhalten können es sich dann um Songs respektive Audioaufnahmen, Bilder, Videos und Texte handeln. Eigentlich nichts revolutionäres, nutzen Künstler doch bereits Twitter, Facebook, Instagram und SoundCloud, um nach außen hin zu kommunizieren und sich zu präsentieren.

Der Haken ist allerdings folgender: Connect wirkt persönlicher. Im Gegensatz zu Twitter, Facebook und Konsorten bietet Connect eine zentrale Anlaufstelle, um über alles auf dem Laufenden zu bleiben, was ein Musiker postet und nach dem zu urteilen, was wir gestern sehen konnten, dürfte Connect den Kontakt zwischen Künstler und Fan persönlicher gestalten bzw. wirken lassen.

Dass Musikkonsumenten ihren Stars in gewisser Weise nahe sein wollen, war schon immer der Fall, vor allem Twitter und Instagram stehen dafür in der heutigen, technologisierten Gesellschaft Zeugen. Fans wollen wissen, was die Artists gerade machen, was ihnen durch den Kopf geht, woran sie gerade arbeiten und so weiter. Einen solchen sozialen Faktor in einen Musik-Dienst zu integrieren, ist eine geniale Idee von Apple. Man zentralisiert alle Kanäle in eine einzige Oberfläche – der Nutzer kann dort Musik hören und seinem Star „ganz nah“ sein, wie man so schön sagt. Connect ist das emotionale Bindeglied zwischen Artist und Konsument, der differenzierende Faktor zwischen einem schnöden 08/15-Streaming-Dienst und Apple Music.

Auch Musik-Nerds werden bedient

Darüber hinaus weiß man aber nicht nur dem normalen Fan zu gefallen, sondern auch Anreizpunkte für Nerds zu geben; jene, die ständig auf der Jagd nach neuer und interessanter Musik sind, die in naher Zukunft durch die Decke geht. All dies wird in einer Person widergespiegelt: Zane Lowe. Er ist seines Zeichens der wohl populärste Radio-DJ unserer Zeit und moderierte 13 Jahre lang BBC Radio 1.

Hier spricht der Musikfan in mir: Mit einer wahnsinnigen Treffsicherheit und akribischer Arbeit fand er immer wieder Künstler, die auf dem Sprung ins Rampenlicht waren und gab ihnen den bedeutenden Kick. Der musikalisch ausgezeichnete Ruf Großbritanniens ist letztlich zu einem gewissen Teil auch ihm zuzuschreiben.

Viele Musik-Nerds wissen um das, was Lowe auf den Tisch bringt und schätzen dies – ich inklusive. Anfang des Jahres gab er das Ende seiner BBC-Radio-Show bekannt, um bei Apple zu arbeiten und jetzt wissen wir auch, was er dort machen wird: Eine Radio-Show leiten! Beats 1 nennt sich das dann und es ist eine verheißungsvolle Aussicht auf das, was Apple Music sein kann: Ein Tool für Nerds, um geile Musik zu finden. Beats 1 alleine reicht aus, um die maschinellen Musikempfehlungen anderer Streaming-Dienste auszustechen und das ist mein absoluter Ernst.

Apple Music wirkt (fast) schlüssig

Auch die anderen Aspekte von Apple Music hören sich vielversprechend an: Der gesamte iTunes-Katalog, welcher der mit Abstand Größte auf dem Markt ist, steht zum Streaming zur Verfügung, auch Android- und Windows-User werden mit offiziellen Apps beliefert, die Preisgestaltung mit 9,99 US-Dollar pro Monat respektive 14,99 US-Dollar je Monat für das Familienpaket ist konkurrenzfähig und auch typische Streaming-Features, wie das Offline-Speichern von Songs in den mobilen Apps, sind allesamt mit an Bord. Apple packt also alle Grundprinzipien zusammen und richtet diese mit weiteren Features auf alle Musikinteressierten aus.

Darüber hinaus ermöglicht Apple auch die kostenlose Nutzung des Dienstes, indem man Connect sowie alle Radiostationen komplett nutzen kann, der vollständige Funktionsumfang lässt sich zudem ganze drei Monate lang detailliert testen. Apple setzt Anreizpunkte zur erstmaligen Nutzung und ist so selbstbewusst, dass die User zu zahlenden Kunden werden, wie man es nur irgend sein kann. Apple weiß, worauf es den Nutzergruppen ankommt, die jahrelange Erfahrung in diesem Bereich kommt ihnen mehr als zugute.

Apple Music ist mehr, als nur der nächste Musikstreaming-Dienst. Stattdessen bringt man in Cupertino viel mehr einen Music-Discovery-Service an den Start, der über schnödes Streaming hinausgeht und den User mit attraktiven Services an sich binden soll. Hier macht Apple aber nicht nur heiße Luft, sondern es steckt auch Substanz dahinter und Apple prescht ordentlich nach vorne und erweckt den Eindruck eines Juggernaut, der nur darauf wartet, über die Konkurrenz hinwegzufegen. Apple hat gezeigt, dass sie verstanden haben, wie Musik im Jahre 2015 im Internet funktionieren muss, um den nächsten Schritt zu gehen.

Ein großes Fragezeichen gibt es dann aber am Ende des Tages doch noch: Was wird aus dem iTunes Store, wenn man Musik für knapp zehn US-Dollar pro Monat streamen kann und keine Musik mehr kaufen muss?

Aus dem Nähkästchen“ ist das Kolumnen-Format bei AppSpezis.de, in dem ich zur Abwechslung mal Abstand vom Software- und Apps-Alltag nehme, um aktuelle technische Themen aus hundertprozentig subjektiver Sicht zu beleuchten. Hier geht es einzig und allein um meine persönliche Meinung zu einem Gadget, einem Dienst einer Veranstaltung oder vergleichbaren Dingen. Oftmals kontrovers, aber nie unfair wird hier erklärt, was mich und/oder die Welt um uns herum im digitalen Zeitalter verändert (oder eben nicht).
  • Antares

    Apple Music hat mich gestern echt begeistert, muss ich zugeben. Da kommt ein Dienst auf mich zu, den ich so schon sehr sehr lange gesucht habe. iTunes ist für mich, obwohl ich Windows-Nutzer bin, mittlerweile eine relativ wichtige Software geworden, weil ich dort Musik kaufe und meine Podcasts finde (auch wenn die in MusicBee verwaltet werden, aber das ist ne andere Geschichte). Dass ich hier keinen zusätzlichen Client brauche, ist schon ein Vorteil.

    Davon abgesehen mag ich aber die neuen Funktionen. Ich bin ein sehr audioaffiner Mensch und höre leidenschaftlich gerne Musik, egal ob meine lokale Lib oder klassisches Internetradio. Momentan bin ich da auf der Suche nach einer Ergänzung zu Soundcloud und Mixcloud und hatte mir da zuletzt mal Spotify angesehen, gefiel mir aber nicht mehr so besonders wie noch einst, zumal der aktuelle Player bei mir alles andere als rund lief. iTunes tut das. Daneben gefällt mir Connect, die Musikvideos sind ein zusätzlicher Pluspunkt und die Radiostationen ebenfalls.

    Zusammenfassend würde Apple Music zwar nicht Mixcloud und Soundcloud verblasen und auch das klassische Internetradio (zumindest meine Lieblingssender) nicht verdrängen, aber den Kampf gegen Spotify hat Apple bei mir definitiv schonmal gewonnen. Interessanter wird das Duell bei mir mit YouTube. Die Musikvideos waren ursprünglich mal der Grund, wieso ich mir vor knapp 9 Jahren das Videoportal in die Bookmarks geholt habe, und auch heute noch ist Musik, soweit wegen Gema möglich, bei YouTube noch ein wichtiges Standbein. Wenn Apple hier einen guten Job macht und YouTube auch in dem Punkt bei mir angeknockt wird, gehen Googles Tochter bei mir so langsam die Argumente aus. Es gäbe zwar noch ein paar “Herzenskanäle”, die ich weiterhin schaue, aber da YouTube heute schon bei weitem nicht mehr in der besten Position ist bei mir, wäre das schon ein Schlag.