Evernotes neue Web-App: Wenn Redesigns schief gehen (Usability-Rant)

Vor wenigen Tagen schaltete ein neues Design der Web-App in -Form online, welches praktisch alles umkrempelt. Das alte Design bleibt bisweilen ebenfalls nutzbar und ich rate dazu, vom Abstand zu nehmen.

Die neue Web-App sieht zweifelsohne extrem hübsch und modern aus: Es wird viel Whitespace eingesetzt, die Farbgebung ist stimmiger und weniger “grell” – insgesamt schaut einfach alles viel freundlicher und einladender aus. Evernote ist dafür bekannt, seit Jahren tolle Designs ihrer Notiz-Verwaltung für beinahe alle Betriebssysteme zu gestalten, die neben einer guten Optik aber auch eine wunderbare Usability bieten. Letzteres allerdings ist bei der neuen Web-App überhaupt nicht der Fall.

Wenn ein Redesign eine Verschlimmbesserung wird

Evernote Web-App Redesign 02

Mein erster Kritikpunkt fängt bereits beim Aufrufen der Webanwendung an. Während man im alten Design in der -Übersicht landete, öffnet sich nun direkt der Notiz-Editor. Ich für meinen Teil halte dies für einen Fehler, da ich eine möglichst schnelle Übersicht über meine bisherigen Inhalte für wichtiger finde, denn oft, wenn ich die Web-App aufrufe, möchte ich eben genau das: Auf bereits erstellte Inhalte zugreifen. Das Erstellen dieser Inhalte läuft zu 80% in externen Applikationen und eben nicht direkt in Evernote ab.

Will man dann doch direkt in der Web-App eine neue Notiz anlegen und beginnt das Tippen, wird die Navigationsleiste ausgeblendet. Hierdurch soll man sich noch etwas besser auf das Schreiben konzentrieren können (Stichwort “Zen-Editor“). Hierbei haben die Entwickler offenbar aber vergessen, eine Möglichkeit zu integrieren, um den Editor wieder zu verlassen und in der Übersicht zu landen, denn diese existiert dann schlichtweg nicht. Man muss demnach die komplette App neu per Tab-Refresh neu laden, was ich schon ziemlich krass finde.

Evernote Web-App Redesign 03

Weiter geht es mit der Übersicht über angelegte Notizbücher, denn diese wird erst eingeblendet, wenn man auf das entsprechende Icon in der linken Navigationsleiste klickt. Öffnet man dann ein Notizbuch, wird die Spalte wieder ausgeblendet. Damit einhergehend werden die Notizen zentriert angezeigt, die sich im Notizbuch befinden. Erst, wenn man eine Notiz anklickt, rutscht die Übersicht nach links, um Platz für die geöffnete Notiz zu schaffen. Hier wäre es angebrachter, die Übersicht sofort nach links zu schieben und direkt die oberste Notiz zu öffnen, um den Zugriff auf den Inhalt schneller zu gestalten.

Evernote Web-App Redesign 04

Der für mich schlimmste Fauxpas ist allerdings die Handhabung von Webmarks. Legt man eine Notiz über den Web-Clipper an, wird auch die URL der Webseite angehängt. Diese war im alten Design sehr offensichtlich platziert und klickbar, sodass man sehr einfach auf der ursprünglichen Webseite landete. Mit dem Redesign haben die Entwickler diese Möglichkeit aber komplett gestrichen. Stattdessen muss man nun die Infoseite einer Notiz aufrufen, die URL händisch kopieren und anschließend in der Adressleiste des Browsers einfügen. Ich persönlich arbeite zu einem großen Teil mit Webmarks, denn Evernote ist auch die Verwaltung für meine Quellverweise. Diese, viel umständlichere, Handhabung der URLs geht bereits nach kurzer Zeit extrem auf die Nerven und ist ein Faktor, der tatsächlich merklich Zeit kostet.


Web-Apps müssen auch in 2014 nutzbar sein

Evernote Web-App Redesign 05

Das sind jetzt nur einige wenige Probleme, die mir bei der Nutzung des neuen Beta-Designs aufgefallen und wirklich nervig sind. Evernote hat dieses Mal offenbar komplett vergessen, auch auf die Nutzbarkeit der Anwendung zu achten. Das ist mir bisher so nicht untergekommen, Evernote war immer ganz vorne mit dabei, wenn es um das Zusammenbringen von Design und Usability geht.

Ich für meinen Teil habe auch nicht viel Hoffnung darin, dass Evernote die angesprochenen Punkte noch innerhalb der Beta-Phase beheben wird, denn üblicherweise werden im Beta-Stadium ja “nur” bestehende Features auf ihre Funktionalität geprüft. Insofern sehe ich mich dazu gezwungen, vorerst wieder auf die Desktop-App zu wechseln, denn hier zeigt Evernote, wie eine Notiz-Verwaltung auszusehen hat.

Ich habe mir immer erhofft, dass die Evernote-Entwickler das Design der Desktop-Apps einfach eins zu eins ins Web übernehmen würden – das aber scheint bisweilen in weite Ferne gerückt zu sein und das nervt mich als eigentlich überzeugten und zufriedenen Evernote-User sehr. Das misslungene Redesign zeigt auch, dass es im Jahr 2014 nicht nur darum geht, möglichst hübsch und modern auszusehen, sondern auch immer noch darum, zu funktionieren. Evernotes Web-App “funktioniert” so aber nicht mehr, insofern sehen wir hier ein Paradebeispiel für misslungenes Interface-Design.

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